top of page

Interview: Echte Produktivität statt Pflichterfüllung

  • Autorenbild: Bei Bei Yu
    Bei Bei Yu
  • 31. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit
Charlotte Steinhilber: Produktivitäts-Coach

Über Charlotte Steinhilber: Sie ist Wirtschaftspsychologin und arbeitet in der Führungskräfteentwicklung beim renommierten Industrie- und Technologiekonzern thyssenkrupp sowie freiberuflich im Bereich Leadership Coaching. Ende 2025 publizierte Sie das Buch „Überwinde deinen inneren Preußen. Der Weg von Busyness hin zu echter Produktivität und mehr Sinn im Job“, in dem sie aufzeigt, wie aus der Disziplin zum reinen Selbstzweck eine wertschöpfende und sinnstiftende Arbeit werden kann. MindPlayfield Co-Autorin Bei Bei Yu traf sie zum Interview.

Bei Bei: Der Titel deines Buches „Überwinde deinen inneren Preussen“ hat mich direkt angesprochen. Was hat dich motiviert, genau dieses Buch zu schreiben?


Charlotte: Die Idee begleitet mich seit vielen Jahren. Mein Buch richtet sich hauptsächlich an die heutigen Wissensarbeiter:innen. Ich möchte unser oft veraltetes Arbeitsverständnis sichtbar macht. Wir leben in einer Zeit mit rasanter Veränderung: Geopolitische Unsicherheit, Künstliche Intelligenz, etc. stellen neue Anforderungen an die Arbeitswelt. Dies verlangt ein modernes Verständnis von Produktivität – jenseits von Fleiß und Durchhalten um jeden Preis. Mein Ziel ist, Impulse zu geben, wie wir heute nachhaltige Werte durch unsere Arbeit schaffen.

Bei Bei: Der Titel deines Buches „Überwinde deinen inneren Preussen“ hat mich direkt angesprochen. Was hat dich motiviert, genau dieses Buch zu schreiben?


Charlotte: Die Idee begleitet mich seit vielen Jahren. Mein Buch richtet sich hauptsächlich an die heutigen Wissensarbeiter:innen. Ich möchte unser oft veraltetes Arbeitsverständnis sichtbar macht. Wir leben in einer Zeit mit rasanter Veränderung: Geopolitische Unsicherheit, Künstliche Intelligenz, etc. stellen neue Anforderungen an die Arbeitswelt. Dies verlangt ein modernes Verständnis von Produktivität – jenseits von Fleiß und Durchhalten um jeden Preis. Mein Ziel ist, Impulse zu geben, wie wir heute nachhaltige Werte durch unsere Arbeit schaffen.

Bei Bei: Warum hast du den inneren Preußen als Metapher für unsere Arbeitsmentalität gewählt?


Charlotte: Der Charakter des Preußen steht vor allem im deutschsprachigen Europa für Tugenden wie Disziplin oder Durchhaltevermögen. Diese Tugenden haben durchaus ihre Stärken. Aber viele Menschen leben diese Tugenden heute in einem ungesunden Übermaß. Besonders engagierte Personen sagen sich oft: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen; nur wer viel leistet, ist etwas wert.“ Diese Muster sehe ich oft in meinen Coaching-Sitzungen. Mit dem „inneren Preußen“ wollte ich diese Haltung sichtbar und greifbar machen. Im Buch gebe ich Anregungen, wie man zu einem gesunden Maß findet.


Bei Bei: Dabei unterscheidest du zwischen Busyness und Produktivität. Worin liegt der Unterschied und wie erkenne ich, ob ich busy oder produktiv bin?


Charlotte: Das Busy-Sein hat sich mittlerweile zum Statussymbol entwickelt (wie früher etwa ein Eckbüro): Volle Kalender, viele Meetings und lange To-do-Listen lassen kaum Zeit zum Durchatmen und erzeugen Dauerstress.  Aber für uns Wissensarbeiter, die fürs Denken bezahlt werden, ist das kein sinnvoller Modus.


Produktivität bedeutet für mich hingegen, wirklich hinzuschauen, wo der Impact der eigenen Arbeit oder der des Teams liegt: Wo leiste ich den größtmöglichen Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens?


Das sogenannte „Fake Work“ beschreibt z.B. nur Tätigkeiten, die einen geschäftigen Eindruck erwecken und auf die Karriere einzahlen sollen, statt einen Wertbeitrag zu leisten. Währenddessen ist echte Produktivität konsequent ergebnisorientiert und zahlt auf die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ein.


Bei Bei: Gilt das für Mitarbeitende und Führungskräfte gleichermaßen?


Charlotte: Ja absolut, die Frage nach dem eigenen Wertbeitrag ist für uns alle in der modernen Arbeitswelt entscheidend.

Neben der eigenen Produktivität ist es die Aufgabe von Führungskräften, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Produktivität ermöglichen. Dies erreichen sie, indem sie Strukturen gestalten und Prioritäten setzen.


Bei Bei: Welche Methoden setzt du als Leadership Coach ein, um deinen Klient:innen  dabei zu helfen, echte Produktivität zu erreichen?


Charlotte: Ich arbeite auf drei Ebenen:

  1. Toolset: Wie reduzieren wir Ablenkungen? Wie gestalten wir Kalender, Fokuszeiten und meetingfreie Räume? Studien zeigen, dass wir uns im Schnitt alle zwei Minuten unterbrechen lassen. Das kostet enorme Energie.

  2. Skillset: Priorisieren, Delegieren, Grenzen setzen – klassische, aber entscheidende Fähigkeiten.

  3. Mindset: Hier setze ich die Methode des inneren Teams ein, die ich im Buch ausführlich beschreibe. Sie macht sichtbar, welche inneren Anteile laut sind, welche vernachlässigt wurden und welche Stärken in uns verborgen liegen. Das ist ein wichtiger Hebel für Potenzialentwicklung.


Bei Bei: Kannst du für unsere Leser:innen das Konzept des inneren Teams kurz erklären?


Charlotte: Die Methode stammt vom renommierten Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Sie beschreibt, dass wir nicht nur ein inneres „Ich“ haben, sondern viele inneren Anteile. Manche sind laut, manche leise und manche stehen auch im Widerspruch zu einander.


Dieser Facettenreichtum von uns Menschen ist nichts Neues. Schon Bismarck hat sich darauf bezogen, indem er sagte: „Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust, ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik...“

Im ersten Schritt geht es darum, dass wir diese Anteile sichtbar machen, das können wir z.B. auf einem Flipchart – danach geht es darum, den verschiedenen Anteilen einen Namen zu geben. Damit können wir Muster sichtbar machen. Welche Stimme dominiert? Und warum ist sie so laut?


Manchmal fühlen sich Menschen ihrem inneren Team ausgeliefert, aber ich zeige im Buch auf, dass wir die „Chefin“ oder der „Chef“ unseres inneren Teams sind. Hier geht es um Selbstführung. Entlassen können wir keine Anteile, aber wir können sie weiterentwickeln und dürfen lernen, milder sowie neugieriger auf sie zu schauen. Wir sollten unser inneres Team so führen, dass es uns dabei unterstützt, unsere Ziele zu erreichen.


Bei Bei: Deine Sicht kann ich nur bestätigen. Nachdem ich selber gute Erfahrungen mit der Methode gemacht habe, setze ich sie oft in meinem Coaching mit Klient:innen ein.


Charlotte: Das höre ich oft. Die Methode ist zugänglich und tiefgehend zugleich.


Bei Bei Yu: Die echte Produktivität hängt für dich auch vom „Sinn“ ab. Was bedeutet Sinn für dich persönlich?


Charlotte: Sinn ist natürlich ein großes Wort. Für mich entsteht Sinn, wenn wir unsere Stärken einbringen können, Verantwortung übernehmen und das Gefühl haben: „Das, was ich tue, ist bedeutsam.“


Spannend ist die Harvard-Studie „Study of Adult Development“ zur Lebenszufriedenheit. Diese Studie zeigt, dass gute Beziehungen und Zugehörigkeit am stärksten auf unser Glückempfinden wirken. Das gilt auch im Beruf. Eine wertschätzende, vertrauensvolle Arbeitsumgebung trägt stark dazu bei, dass wir unsere Tätigkeit als sinnhaft empfinden und steigert unsere Zufriedenheit.


Bei Bei: Oft assoziiert man die Sinnfrage mit jüngeren Generationen, während die preußischen Tugenden Älteren zugeschrieben werden. Trifft dieser Generationenunterschied überhaupt zu?


Charlotte: Die Studienlage zeigt das aktuell nicht. Es wird viel darüber diskutiert und sicherlich gibt es bestimmte Strömungen in jüngeren Generationen. Aber ich hatte auch schon Coachees unter 30 Jahren, denen der innere Preuße zu schaffen machte.

Ich sehe auch bei den Themen Sinn und Zugehörigkeit kaum Generationsunterschiede – zumindest nicht statistisch gesehen. Schließlich benötigt jeder Mensch diese Dinge. Möglicherweise strebt die jüngere Generation schneller eine Veränderung an, wenn sie keinen Sinn empfindet oder wenn der Job nicht zur Persönlichkeit passt.


Bei Bei: Da kann die ältere Generation auch von den Jüngeren etwas lernen.


Charlotte: Ja absolut, es gibt das Potenzial, sich gegenseitig zu bereichern. Und mein Buch ist kein Appell nach dem Motto: „Freizeit first und Arbeiten ist unnötig.“ Stattdessen finde ich, dass Arbeiten energetisierend und zufriedenstellend sein kann, wenn wir einen Beitrag leisten und mitgestalten. Die Frage ist, wie man etwas zusammen bewirkt.


Bei Bei: Stellen wir uns vor, dass wir künftig alle unseren inneren Preußen überwunden haben. Wie sieht dann unsere Welt in 20 Jahren aus?


Charlotte: Das stelle ich mir sehr schön vor, weil dann unsere gesellschaftliche Arbeitsmentalität deutlich effektiver ist und uns erlaubt, als ganzer Mensch zur Arbeit zu kommen. Während wir heute oft zum Selbstschutz eine „Maske“ aufsetzen, können wir sie dann weglassen – dank dem Gefühl von psychologischer Sicherheit. Und psychologische Sicherheit ist genau der Faktor, der nach wissenschaftlichen Erkenntnissen am besten zur High Performance von Teams beiträgt. Und das ist doch für zahlreiche Viel- und Gernleistende ein gemeinsames Ziel, das uns kollektiv motivieren kann: High Performance ist entscheidend für unsere Gegenwart und die Zukunft der Wirtschaft in Deutschland und Europa.

Was bedeutet psychologische Sicherheit?


  • Man kann Missstände ansprechen.

  • Man kann äußern, dass es einem nicht gut geht.

  • Man kann mit Konflikten offen umgehen und diese austragen, ohne Angst haben zu müssen.


Das bedeutet, dass wir auf Augenhöhe unabhängig von Hierarchien miteinander umgehen – ein schönes Zukunftsbild.


Bei Bei:  Gibt es jetzt noch einen weiteren Aspekt in deinem Buch, den du unseren Leser:innen auf dem Weg geben möchtest?


Charlotte: Im Buch gehe ich auf sechs verschiedene individuelle Risiken ein, die entstehen, wenn wir uns vom inneren Preußen bestimmen lassen. Sie sollen bei Leser:innen das Bewusstsein dafür schaffen, was uns bestimmte Denk- und Verhaltensmuster kosten können. Darüber hinaus sollten Führungskräfte auch auf wirtschaftliche Risiken schauen, wie eingeschränkte Kreativität und Innovationskraft.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch die Gegenfrage: Können wir Arbeitssysteme und -kulturen schaffen, die die preußischen Tugenden nicht weiter befeuern? Können wir einen guten Blick auf Ergebnisorientierung entwickeln? Wie fokussieren wir uns auf das, was für das jeweilige Team effektiv ist?

Ansonsten lade ich alle herzlich ein, selbst ins Buch zu lesen. 


Bei Bei: Zum Abschluss: Was hat das Schreiben des Buchs mit deinem eigenen inneren Preußen gemacht?


Charlotte: Ich kenne meinen inneren Preußen aus meiner eigenen Entwicklungsarbeit und habe ihn viel verändert – durch berufliche Entscheidungen und durch die Balance zwischen Berufs- und Familienleben. Mittlerweile erlebe ich meinen inneren Preußen wie eine innere Macherin, die sich weiterentwickelt hat. Sie steht für hohe Energie, Kreativität und vor allem Tatkraft. Sie hat mich dabei unterstützt, dieses Buchprojekt zu meistern.


Ich nutze den „Machermodus“ für Ziele und Themen, die mir als Chefin von meinem inneren Team, am Herzen liegen und für die ich eintreten will. Dafür ist meine innere Macherin hilfreich. Aber sie findet es mittlerweile auch schön, wenn es wieder Zeiten gibt, wo sie sich zurücklehnen kann und nicht gebraucht wird. Dann dürfen andere Teammitglieder zum Vorschein kommen. Das ist eine schöne Weiterentwicklung – auch für mich persönlich.


Bei Bei: Vielen Dank für diese persönliche Einblicke und für das spannende Gespräch.

 
 
bottom of page